Strategie endlich greifbar gemacht.
Eine gute Strategie braucht ein starkes Bild als Leitmotiv. Ich zeige, was wir vom Puzzlespiel lernen können, warum diese Metapher für Strategiearbeit besonders gut geeignet ist und warum „55 und zwei halbe Ostereier” das Erfolgsrezept für die Metaplanwand Ihres nächsten Strategie-Workshops ist.
Strategie vs. Taktik: Eine wichtige Unterscheidung
Manchmal heißt es aus dem Management: „Wir brauchen eine neue Strategie…!” Ich habe oft erlebt, dass dabei eigentlich etwas anderes gemeint ist: ein Plan zur Umsetzung, eine priorisierte Liste mit Aufgaben oder detaillierte Handlungsanweisungen.
Windjammersegeln veranschaulicht den Unterschied: Kapitäne bestimmen das Ziel, Steuerleute den Tageskurs, die Seemannschaft setzt die Manöver um. Strategie gibt also Richtung und Prioritäten vor, während Taktik über die passende Umsetzung entscheidet.
Doch wenn tatsächlich eine Strategie gefordert ist – wenn es also um grundlegende Richtungsentscheidungen und Prioritäten geht – nutze ich eine andere Metapher. Denn wer hat heutzutage schon praktische Erfahrungen auf einem Großsegler gemacht?
Was wir vom Puzzle lernen können
Die allermeisten von uns verstehen intuitiv: Egal wie viele Teile ein Puzzle hat, es gibt solche, die besondere Eigenschaften haben. Wir beginnen daher meistens mit den vier Eckstücken, denn nur sie haben zwei gerade Kanten. Es folgen die Teile aus dem Rand, denn auch sie unterscheiden sich vom Rest des Puzzles. Zumeist geht es erst dann um das Motiv, um Muster im Bild, um Farben und Formen.
Diese bewährte Vorgehensweise ist auch als Metapher brauchbar, als das nötige Leitmotiv: Wenn ich eine Strategie schreiben soll, nutze ich die vier Eckstücke, um die wichtigsten Prioritäten zu markieren – die absolut unverzichtbaren Elemente. Die Randstücke bilden dann die nötigen nächsten Schritte der Umsetzung, den Rahmen, innerhalb dessen gearbeitet wird. Das Suchen nach Motiv- und Farbmustern im „Innenraum” wäre dann die Taktik, die schließlich das ganze Bild entstehen lässt.
Die mathematische Überraschung: Strategie als halbe Miete
Aus dem Puzzlespiel lassen sich weitere interessante Erkenntnisse ableiten. Bei genauer Betrachtung stellt man fest, dass man (bei kleinen Puzzles) mit dem fertigen Rand bereits über die Hälfte der Arbeit geleistet hat. Eine gute Strategie kann also ganz praktisch schon die sprichwörtliche „halbe Miete” sein.
Doch ab einer gewissen Größe stimmt dieses Verhältnis nicht mehr. Die Suche nach den wenigen Teilen mit besonderen Eigenschaften stellt dann keinen Vorteil mehr dar gegenüber dem vermeintlich zufälligen Entstehen und Zusammenwachsen von Inseln aus Farben und Motiv. Darum halten sich professionelle Puzzlespieler bei großen Puzzles selten mit der Suche nach den Eck- und Randstücken auf.
Zur Veranschaulichung: ein Puzzle mit 12 Teilen, davon 10 Randstücke.

Ein Puzzle mit 100 Teilen, davon sind 36 Stück im Rand verbaut.

Weitere Varianten habe ich hier als einfache Graphen realisiert. Bis ca. 50 Teilen stellt der Rand tatsächlich über die Hälfte des gesamten Puzzles dar. Danach sinkt der Anteil deutlich. Doch selbst bei 1000 Teilen kann man mit diesem Vorgehen noch über 10% der Arbeit erledigen.
Anteil der Randteile bei Puzzles
Bis ca. 50 Teile bestehen Puzzles in jeder Ausrichtung überwiegend aus Randteilen.
Warum diese Metapher für Strategiearbeit funktioniert
Dieses Wissen ist entscheidend, wenn es um Strategie und Taktik geht. Die Puzzle-Metapher hat mehrere Vorteile:
- Sie ist intuitiv verständlich – fast jeder hat schon mal ein Puzzle gelegt
- Sie macht den Unterschied zwischen Strategie und Taktik anschaulich
- Sie zeigt, dass Strategie echten Wert hat (nicht selten die halbe Miete!)
- Sie verdeutlicht, dass die Größe des Projekts die Herangehensweise beeinflusst
Das können Sie sich für Ihre eigenen Strategiepapiere oder Workshops zunutze machen!
Praktisch umgesetzt: Puzzle-Teile für Ihre Arbeit
Ich nutze die Metapher auf zwei Arten:
- Digital: Eine PowerPoint-Vorlage mit Puzzleteilen für Präsentationen und Strategiepapiere. [Template zum Download]
- Haptisch: Ausgeschnittene Puzzleteile aus Papier oder Pappe für die Metaplanwand – das funktioniert hervorragend in Workshops.
Das Anfassen und Verschieben der Teile macht die Metapher noch greifbarer und fördert die Diskussion. Und jetzt kommt der beste Teil: für die vier Eckteile benötigen Sie keine Druckvorlag! Meine kurze Zauberformel ist der Schlüssel: „55 und zwei halbe Ostereier” – das klingt so komisch, dass Sie es ab sofort nicht mehr vergessen.
Alles, was Sie brauchen: ein quadratisches Blatt Papier, einen Stift und eine Schere.

Wann die Metapher an ihre Grenzen stößt
Wie bei jeder Metapher gibt es auch hier Grenzen: Ab einer gewissen Komplexität funktioniert die „Erst-der-Rand”-Strategie nicht mehr optimal.
Übertragen auf Ihre Arbeit: Bei sehr großen, komplexen Projekten mit vielen Unbekannten kann es sinnvoller sein, parallel an verschiedenen „Inseln” zu arbeiten, statt streng sequenziell vorzugehen. Die Puzzle-Metapher funktioniert am besten für:
- Überschaubare Projekte und Initiativen
- Situationen, in denen klare Prioritäten gesetzt werden müssen
- Teams, die den Unterschied zwischen Strategie und Taktik verstehen sollen
- Workshops, in denen abstrakte Konzepte greifbar werden sollen
Fazit: Vom Bild zur Tat
Eine gute Strategie braucht ein starkes Bild – und das Puzzle liefert genau das. Es macht abstrakte Konzepte greifbar, schafft eine gemeinsame Sprache und zeigt, dass Strategiearbeit echten Wert hat.
Die Metapher funktioniert auf mehreren Ebenen: intellektuell (durch die mathematische Erkenntnis), visuell (durch die erkennbare Form) und haptisch (durch die ausgeschnittenen Teile). Genau diese Vielschichtigkeit macht sie so wirkungsvoll.
Also: Schnappen Sie sich ein Blatt Papier, erinnern Sie sich an „55 und zwei halbe Ostereier”, und basteln Sie Ihre eigenen Puzzle-Teile. Ihr nächster Strategie-Workshop wird es Ihnen danken.
Viel Spaß mit Ihrem eigenen Puzzle!
Die Puzzle-Metapher im Workshop
Die haptischen Puzzle-Teile eröffnen verschiedene Möglichkeiten für Ihre Strategiearbeit:
Variante 1: Prioritäten visualisieren
Lassen Sie Ihr Team auf die vier Eckstücke die wichtigsten strategischen Prioritäten schreiben. Dazwischen platzieren Sie Randstücke mit den ersten konkreten Schritten – das können auch gewöhnliche Metaplankarten sein. So entsteht ein gemeinsames Bild davon, was wirklich wichtig ist und was als nächstes passieren muss.
Variante 2: Bestehende Strategie überprüfen
Verteilen Sie leere Puzzle-Teile (nutzen Sie dafür ggf. mein PPT-Template) und fragen Sie: „Welche unserer aktuellen Aktivitäten sind Eckstücke? Welche sind Randstücke? Und welche gehören ins Innere?” Oft zeigt sich dabei, dass zu viel Energie in taktische Details fließt, während strategische Prioritäten unklar bleiben.
Variante 3: Die halbe Miete sichtbar machen
Nutzen Sie die mathematische Erkenntnis: Zeigen Sie Ihrem Team mit meinen Graphen, dass noch bei einem 50-Teile-Puzzle der Rand fast über 50% ausmacht. So wird greifbar, warum es sich lohnt, Zeit in gute Strategiearbeit zu investieren.



